DIE PUPPEN-MEISTER
(The Puppet Masters)
Thomas Ligotti


ie eine, die ganz schief dasaß, erzählte mir Dinge. Natürlich bewegte sich ihr weicher und sorgfältig genähter Mund nicht, keiner ihrer Münder bewegt sich, wenn ich sie nicht dazu bringe. Dennoch kann ich sie immer noch verstehen, wenn sie etwas zu sagen haben, was ziemlich oft der Fall ist. Sie haben Dinge erlebt, die niemand glauben würde.
Und sie sind überall in meinem Zimmer verteilt. Die eine liegt auf dem Boden, flach auf ihrem kleinen Bauch, den Kopf auf ihren verschränkten Händen aufgestützt, und ein winziger Fuß wippt hinten in der Luft. Eine andere hat sich faul auf einem leeren Regalbrett hingelümmelt, lehnt auf dem Ellbogen, ein dünnes Stoffbein zugespitzt wie ein Dreieck. Sie sind auch überall sonst: Im Kamin, den ich niemals anzünden würde; in meinem bequemsten Sessel, der gegen sie riesenhaft wirkt; sogar unter meinem Bett, eine große Anzahl von ihnen, ebenso wie im Bett. Ich nehme für gewöhnlich einen kleinen Hocker in der Mitte des Zimmers ein, und das Zimmer ist immer sehr ruhig. Andernfalls wäre es schwierig, ihre Stimmen zu hören, die schwach und leicht heiser klingen, wie man von solchen Kehlen wie den ihren vielleicht erwarten würde.
Wer sonst würde ihnen zuhören und bekunden, was sie durchgemacht haben? Wer sonst könnte ihre Ängste verstehen, so unbedeutend diese bisweilen auch scheinen mögen? Bis zu einem gewissen Grad sind sie also von mir abhängig. Geduldig horche ich auf Lebensgeschichten und Anekdoten aus Existenzen jenseits des Begriffsvermögens der meisten anderen Menschen. Niemals, so glaube ich, habe ich ihnen einen Anlaß zu dem Gefühl gegeben, daß auch nur die feinste Schattierung ihrer Ängste, die geringfügigste Nuance ihrer Kümmernisse nicht von mir zur Kenntnis genommen wurde und mitfühlende Entschädigung erntete.
Spreche ich jemals mit ihnen über mein eigenes Leben? Nein; das heißt, nicht seit einem bestimmten Vorfall, der sich vor einiger Zeit ereignete. Bis heute weiß ich nicht, was da über mich kam. Gedankenabwesend fing ich an, irgendeine triviale Sorge zu beichten, ich habe vollkommen vergessen, was es war. Und im selben Augenblick verstummten all ihre Stimmen unvermittelt, jede einzelne, und hinterließen ein unerträgliches Vakuum des Schweigens.
Schließlich begannen sie wieder mit mir zu sprechen, und alles war wie zuvor. Aber ich werde nie dieses Intervall von schrecklicher Stille vergessen, ebenso wenig wie ich den Ausdruck grenzenloser Bösartigkeit auf ihren Gesichtern vergessen werde, der mich seither schweigen läßt.
Sie, natürlich, fahren fort zu erzählen und zu erzählen auf Fensterbrett und Regal, Boden und Sessel, unter dem Bett und in ihm.

© Thomas Ligotti
Übersetzung: Monika Angerhuber, 2000
mit freundlicher Genehmigung des Autors

Illustration © Thomas Wagner, 2001
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